Vielleicht ist es kindisch, aber mich faszinieren Ortsnamen wie Kyritz an der Knatter oder Weersebrück an der Wümme. Heute ist es Schmölln an der Sprotte, das den Schreiberling anschmachtet. So sitze ich in der Schmalspurbahn ins schöne Thüringen und sehne mich nach stillgelegten Stollen sowie schaurigen Spukschlössern.
Aber zuerst einmal ist Stopp und Schluss in Gößnitz, einem Eisenbahnknotenpunkt, der, wie so viele Eisenbahnknotenpunkte, durch diese eine Eigenschaft mehr verspricht als er zu halten vermag. Der nächste Schnellzug nach Schmölln schmaucht erst in einer Stunde, also steige ich auf den bewährten Schienenersatzverkehr um.

Schon nach wenigen Minuten hält ein Fahrer, räumt sogleich den Beifahrersitz und bedeutet mir, einzusteigen, bevor ich noch sagen kann, wo ich hin will. Er ist Rentner, aber einer, der die neue Aktivrente gerne in Anspruch nimmt. Er arbeitet für einen Getränkegroßhandel im Außendienst. „Meine Kumpels sind alle jünger und müssen unter der Woche arbeiten. Also komme ich sowieso nur am Wochenende zum Motorradfahren“, erklärt er einen der Beweggründe für seine fortgesetzte Berufstätigkeit.
Schmölln ist bekannt für die Knopfindustrie, einst weltweit führend, sowie den Mutzbraten mit Majoran, erklärt er mir. Und dann weist er mich auf die renaturierten Landschaften des Uranerzabbaus westlich der Stadt hin, wo 2007 die Bundesgartenschau stattfand, womit der weitere Wanderweg für mich feststeht. Denn die Schwerindustrie interessiert mich heute mehr als knusprige Ferkel oder Perlmuttknöpfe.
Der hilfsbereite Chauffeur lässt mich an einem Getränkemarkt in Schmölln raus, wo ein großes Plakat der AfD hängt: „Mehr vom Leben. Nein zur Rente mit 70.“ Die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 70 schlägt aktuell zwar niemand ernsthaft vor, aber so funktioniert halt Populismus.
Viel gefährlicher für Rentner ist wahrscheinlich die Hitzewelle, die selbst die stärksten Sonnenblumen knickt.

Genauso knicke ich meinen Tagesplan. Statt mir die Knopfstadt zu gönnen, zieht es mich hinaus in das Altenburger Land. Immer an der Sprotte entlang. Über die Weiden, wo die Muhtzbraten wachsen. Auf die kleinen Dörfer, um das echte Thüringen abseits seiner elitären Universitäts- und Weltkulturstädte kennenzulernen.







Auf einer Bank unter schattenspendenden Bäumen sitzt ein Pensionist und fragt freundlich: „Wohin des Weges, junger Wandersmann?“
„Immer am Fluss entlang“, antworte ich.
„Dann kommen Sie passend zum Mittagessen zur Rothemühle„, informiert er mich und erklärt mir sodann den Weg. Mit seinem Stock zeichnet er Linien in den Sand, es geht hin und her, links und rechts, unter der Autobahn durch, über die Bahngleise hinweg, dort eine Abzweigung, da eine Einmündung. Ich habe schon lange den Faden verloren. Kein Wunder, dass sich diese Generation einst bis nach Stalingrad verlaufen hat.
Dann besinnt er sich: „Wenn Sie in Lohma sind, fragen Sie am besten noch einmal nach.“
In Lohma muss ich gar niemanden fragen, denn dort hat die 10. Klasse der Regelschule Nöbdenitz ein informatives Schild zum Sprotte-Erlebnispfad aufgestellt, an dem ich mir Inspiration und Orientierung hole. Danke dafür!
Wenn man von Dörfern in Ostdeutschland spricht, fällt oft das Wort „abgehängt“ und man stellt sich halbtote Dörfer neben giftigen Braunkohlegruben vor, wo missmutige Arbeitslose im Unterhemd aus dem Fenster blicken, um Falschparker aufzuschreiben. Bei der heutigen Wanderung erlebe ich das absolute Gegenteil davon: Bildschöne Dörfer mit restaurierten Vierseithöfen. Veranstaltungen. Ausstellungen. Kulturräume. Theateraufführungen. Flohmärkte. Tanzveranstaltungen. Freibäder. Sportfeste. Kinderfeste. Einladende Gärten, die so aussehen, als ob jemand die halbe Bundesgartenschau mitgehen hat lassen.




Die Kirchen in Lohma und Löbdenitz sind Radfahrerkirchen. Ein Aushang weist darauf hin, dass es im Pfarrhof Trinkwasser, Toiletten und Rastplätze gibt. Mit Telefonnummern, falls ausnahmsweise niemand vor Ort sein sollte.



Außerdem gibt es eine angeblich tausendjährige, jedenfalls sehr alte und altersschwache Eiche, die sich nur mehr mit Krücken und Gurten aufrecht hält. Aber noch immer treibt der Baum jedes Jahr frisches Laub.
Fast genauso alt ist der 90-Jährige, der mich auf der Straße zwischen Nöbdenitz und Lohma anspricht. Er ist auf dem Weg zum Fleischer, und weil ich ein bisschen Proviant gebrauchen kann, begleite ich ihn. Auf einem Auge ist er blind, aber ansonsten fit. Vor drei Jahren hat er seinen Führerschein abgegeben, deshalb geht er jetzt zu Fuß. (Besser so, denke ich mir, und wahrscheinlich einige Jahre zu spät.)
In den zehn Minuten bekomme ich die ganze Lebensgeschichte. Familie Jahn, seit 1870 in Lohma ansässig. Erste Generation der Jungen Pioniere. „Wir haben die DDR aufgebaut“, sagt er stolz. Mutter in einer Bürstenfabrik in Schmölln. Er bei der Wismut (dazu später mehr). Unter Tage Rohre verlegt. Schwere Arbeit. „Aber ich habe immer gerne gearbeitet“, sagt er, wie alle Rentner, denen ich heute begegne. Sportlich, Läufer, Rennrad, Jugendmeister, Brigadier. Er erzählt, dass man für die Plattenbauwohnungen auch Arbeitsstunden leisten musste. Und dass Fahrradfahren zu Hodenkrebs führt. Gut, dass ich lieber zu Fuß gehe.
Vielleicht sind ältere Menschen überall so. Aber in Ostdeutschland passiert mir das auffallend oft. Sobald die Leute merken, dass ich aus dem Westen bin, was meist nach einem Satz meinerseits der Fall ist, sprudelt die ganze Lebensgeschichte aus ihnen heraus. Mich stört das nicht, im Gegenteil. Aber komisch ist schon, dass keine einzige Frage an mich gerichtet wird. Nur Senden, kein Empfangen, und das ohne Pause. Obwohl, eine Frage kommt schon, manchmal im vorwurfsvollen Ton: „Sie sind aber nicht von hier?“
Vielleicht überinterpretiere ich das, aber ich habe den Eindruck, als ob die Leute mir als Wessi unbedingt zeigen wollen, dass sie in der DDR glücklich, zufrieden, produktiv und so weiter waren. „Es war eine schöne Zeit.“ „Uns fehlte es an nichts.“ „Damals ging es noch ehrlich zu.“ Und ähnliche Verklärungen. Ein großer Teil der DDR-Nostalgie ist in Wirklichkeit wohl Nostalgie für die eigene Jugend, für die Zeit als man gesund, kräftig und verliebt war. Und möglicherweise eine Trotzreaktion gegen die Besserwessis. Jedenfalls wäre die Wiedervereinigung (noch) besser verlaufen, wenn Millionen von Menschen einmal im Monat ziellos durch den anderen Landesteil gelaufen und mit wildfremden Menschen gequatscht hätten.
Bei der Metzgerei gibt es den vielgepriesenen Mutzbraten mit Sauerkraut, aber erst ab 11 Uhr.
Dann nehme ich halt zwei Wurstsemmeln.
„Wie bitte?“ fragt der Metzgermeister entsetzt, und ich muss wieder mal schnell überlegen, ob ich in einer Schrippen-, einer Wecken- oder einer Brötchen-Region bin. Eigentlich sollte man den Leuten auf der Fleischereifachschule und in der Bäckerbildung alle Begriffe beibringen, so dass hungrige Reisende nicht missverstanden werden, wenn sie einen Krapfen oder ein Fleischpflanzerl wünschen.
Andererseits bin ich kulinarisch selbst recht ungebildet. „Hier habe ich ein Bürgemeisterstück für Sie“, sagt die Verkäuferin, als sie der Kundin ein großes Stück Fleisch über die Theke reicht. Mir fährt das Herz in die Hose, und sofort habe ich Bilder eines wütenden Mobs vor Augen, der Kommunalpolitiker zerstückelt. Es ist aber wohl nur der besonders schmackhafte Teil einer kommunalen Kuh.
Der rüstige Rentner bedankt sich hocherfreut, dass ich ihm zugehört habe. Aber um die einseitige Unterhaltung nicht in die Länge zu ziehen, verabschiede ich mich spontan in die andere Richtung.
Vorbei an einer dubiosen Villa in einem alten Lagerhaus geht es über die Felder. Immer am Waldrand oder an großen Baumreihen entlang, um den Schatten gegen die heraufziehende Mittagshitze zu suchen.

Plötzlich erspähe ich etwas im Wald. Ein Häuschen. Wie aus dem Märchen.

Obwohl, das sieht schon etwas prächtiger aus als ein Hexenhäuschen. Neugierig und vorsichtig pirsche ich mich durchs Unterholz, bis mir so ein lautes „Potzblitz!“ entfährt, dass meine Tarnung aufgeflogen ist. Macht aber nichts, denn hier lebt niemand mehr.
Tannenfeld heißt das Geheimdorf. Früher war es ein Schloss, später ein Sanatorium für allerlei psychische und Suchtkrankheiten. Ein Insasse war Rudolf Ditzen, den die Nachwelt wahrscheinlich eher unter seinem Pseudonym Hans Fallada kennt. Er war in jungen Jahren einige Male hier. Dazwischen absolvierte er eine Landwirtschaftslehre in Posterstein, das man mit seinem markanten Turm von der Klinik aus sieht.

Diese Heilanstalten aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende sind oft ganz famos und wunderbar. Man wundert sich eh schon ob ihrer großzügigen Parkanlagen, aber noch umso mehr, wenn man an die beengten und ärmlichen Verhältnisse denkt, in denen damals der Großteil der Bevölkerung wohnte. Und in vielen davon kann man frei herumspazieren, auch ohne Einweisung. Ein paar Besuchsempfehlungen, nur als erste Auswahl: Die Kliniken im Wuhlgarten in Berlin. Die Blindeneinrichtungen in Chemnitz. Und natürlich das Otto-Wagner-Spital in Wien.

Als ich mich wieder unentdeckt aus dem Tannenfeld-Areal schleiche, stoße ich nach wenigen Minuten auf das nächste Mysterium: Einen Sperrbezirk der Wismut, einer Sowjetisch-Deutschen Geheimaktiengesellschaft, die hier Uran für die Bestückung von Atombomben fördert. Überall sind Fördertürme und Schächte und Halden und Gruben.


Das ist gefährlich. Wenn mich der Werkschutz schnappt, komme ich entweder in die Wismut oder nach Workuta. Zum Glück steht der Mais noch mannshoch auf den Feldern, so dass ich mich durch die schnurgeraden Reihen schleichen kann. Wie als Kind, nur dass ich damals einen Teil des Feldes zertrampelte, um Gänge und Lager im Maisfeld zu errichten, die dann von der verängstigten Dorfbevölkerung als Zeichen von Außerirdischen fehl- und überinterpretiert wurden.
Und anders als in der Kindheit darf ich hier im Maisfeld nicht rauchen. Denn der Boden steckt voller Uran. Ein falscher Funke, und ganz Mitteldeutschland wird auf Jahrtausende unbewohnbar.
Eine Sirene ertönt. Hoppla. Es kann doch nicht sein, dass ich so schnell entdeckt wurde? Aber mit einem Blick auf die Uhr ist klar, was der Signalton verkündet: Es ist Freitag 13 Uhr. Schicht im Schacht. Fast auf einen Schlag hört das Hämmern und Baggern und Rumpeln und Lärmen auf. Die Vögel sind noch ein paar Minuten verdutzt, ehe sie langsam zu singen beginnen. Jetzt habe ich das ganze Uranerzrevier für mich allein.
Kennt Ihr das, wenn man heimlich in ein Schwimmbad oder in eine Fabrik einsteigt, und dann bald merkt, dass außer der Heimlichkeit der Tat objektiv gar nichts Interessantes vorliegt? Ich kann nicht einmal Uranerz von Eisenerz unterscheiden. Plutonium und Radium sind für mich wie Coca Cola und Pepsi, ich schmecke da keinen Unterschied. Außerdem trinken wir hier im Osten Vita Cola.
Aber dann erspähe ich in der Ferne doch ein interessantes Objekt, das die (vermutlich radioaktive) Eigenschaft hat, dass es immer größer wird, je näher ich ihm komme.
Endlich stehe ich vor dem monumentalsten Gigantogemälde in der ganzen Republik. Mitten in der Landschaft. Auf einem Haufen von Uranhexafluorid. Bei strahlendem Sonnenschein. Ganz für mich allein. Es ist fantastisch!
Das Bild ist 16 Meter hoch, besteht aus 384 bemalten Emailletafeln, und der Künstler Werner Petzold hat ihm 1974 den liebevollen Namen „Die friedliche Nutzung der Kernenergie im Lichte des sozialistischen Fortschritts und der Völkerfreundschaft gemäß den Vorgaben der 12. Tagung der Ingenieurskommission der Akademie der Wissenschaften zur dauerhaften Überwindung der Energiekrise“ gegeben.
Ich weiß nicht, warum die Menschen keine Hemden tragen und warum man sein Baby mit ins Atomkraftwerk nimmt, aber man sieht deutlich, dass alle tatkräftig daran mitarbeiten, dass alles immer aufwärts und vorwärts und voran geht. Sozialistischer Realismus muss eben nicht den realen Sozialismus abbilden. Ist ja schließlich Kunst. (Für die Realität gibt es die Literatur, sehr zu empfehlen ist „Rummelplatz“ von Werner Bräunig.)
Dieses Großbild, das einst an der Fassade eines Wismut-Verwaltungsgebäudes hing, war kein einmaliger Ausflug in den Bereich der Kunst. Vielmehr sind mehr als 4.000 Kunstwerke über den Uranbergbau entstanden. Die größte Kunstsammlung der DDR, die jetzt in einem Geheimdepot der Wismut in Chemnitz lagert. Nur ganz selten werden Teile davon gezeigt, so 2023/14 in der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz oder 2025 in Zwickau. Für 2027 ist eine Ausstellung in Gera geplant, also vormerken! Da gibt es nämlich durchaus mehr zu sehen als die Propaganda vom glücklichen Bergarbeiter.




Ach ja, meine Wanderung war dann vorbei, weil mein Knie schmerzte. Wahrscheinlich wegen der verdammten Nuklearstrahlung. Ich konnte mich noch mit Ach und Krach ins nächste Dorf, nach Beerwalde, schleppen, wo ich dank des perfekt ausgebauten Nahverkehrs nicht lange auf den Bus zum Bahnhof warten musste.
Links:
- In Neckarwestheim habe ich die friedliche Nutzung der Kernenergie wirklich hautnah erlebt.
- Die Website von Schloss Tannenfeld. Die Bloggerin Burgdame hat sogar Fotos aus dem Inneren der Gebäude. Der Park und die Gebäude sind auch in dem Kitschfilm „Das Mädchen und der Tod“ zu sehen.
- Zu Hans Fallada gibt es mehr auf der Seite der Burg Posterstein.
- Das Altenburger Land hat noch viel mehr zu bieten.
- Weitere Wanderberichte und mehr DDR-Geschichte.

















































